
Die Lage rund um die Straße von Hormuz verschärft sich erneut deutlich. Nach neuen US-Angriffen auf iranische Ziele reagiert der Iran mit Raketen- und Drohnenangriffen, während auch Handelsschiffe und Tanker in der Golfregion getroffen wurden. Rohöl steigt daraufhin wieder über 80 USD und zeigt damit, wie schnell geopolitische Risiken in den Energiemarkt zurückkehren können. Aus meiner Perspektive ist Öl aktuell nicht nur ein Rohstoff-Chart, sondern ein Gradmesser für die Konfliktschärfe zwischen den USA, Iran und der gesamten Golfregion.
Für die Märkte ist besonders wichtig, dass der Schiffsverkehr durch die Meerenge auf ein mehrmonatiges Tief gefallen ist. Genau hier liegt der eigentliche Risikokern: Die Straße von Hormuz ist nicht nur eine regionale Passage, sondern einer der wichtigsten Engpässe für den globalen Ölhandel. Wenn dort Unsicherheit entsteht, wird sofort eine Risikoprämie eingepreist – nicht nur bei Rohöl, sondern indirekt auch bei Inflationserwartungen, Anleihen, Renditen und Aktienmärkten. Meiner Meinung nach entscheidet jetzt vor allem eine Frage: Wird die Passage weiter eingeschränkt oder gelingt eine diplomatische Stabilisierung?
Charttechnisch hat Rohöl eine klare Veränderung vollzogen. Aus dem vorherigen Abwärtstrend ist auf Stundenbasis ein neuer Aufwärtstrend entstanden. Gleichzeitig zeigt das wöchentliche TPO-Profil (Time Price Opportunity), dass sich ein Boden ausgebildet hat. Der Markt stabilisiert sich oberhalb der letzten Value Area High, was bedeutet, dass die höheren Preise nicht nur kurz angelaufen, sondern zunächst akzeptiert werden. Das ist ein wichtiger Unterschied: Ein Spike allein wäre noch kein Trendwechsel, aber Stabilisierung oberhalb der Value zeigt, dass Käufer in dieser Zone tatsächlich bereitstehen.

Für Rohöl wird deshalb vor allem der Bereich von 76 bis 72 USD interessant. Dort könnte ein Rücklauf in den neuen Aufwärtstrend hinein eine deutlich bessere Handelsverortung bieten als ein Einstieg oberhalb von 80 USD nach dem ersten Schub. Wichtig ist dabei: Diese Zone ist kein automatischer Kaufbereich. Sie ist eine Verortung, an der der Markt zeigen muss, ob Käufer zurückkommen. Erst wenn dort untergeordnet neue Stärke entsteht, wird daraus ein konkretes Long-Szenario.
Die Umsetzung bleibt entscheidend. Im Bereich 76 bis 72 USD sollte nicht blind in ein fallendes Messer gekauft werden, nur weil die Zone charttechnisch interessant ist. Entscheidend sind sichtbare Reaktionen im Minuten- oder 5-Minuten-Chart: Stabilisierung, Absorption, höhere Tiefs oder ein klarer Mikro-Ausbruch nach einer Korrektur. Genau diese untergeordnete Trendwende liefert das bessere Stoppverhältnis, weil das Risiko eng geführt werden kann, während der übergeordnete Impuls deutlich mehr Potenzial bietet. So entsteht ein Setup, nicht nur eine Meinung.
Gerade bei frischen Trendwechseln entsteht oft die größte Falle. Sobald der Ausbruch offensichtlich ist, springen viele Marktteilnehmer hinterher – häufig genau dann, wenn der erste Impuls bereits im letzten Drittel läuft. Danach folgt oft eine Korrektur, und der späte Einstieg steht schnell unter Wasser. Genau deshalb ist es aus meiner Sicht taktisch sauberer, nicht den fertigen Impuls zu kaufen, sondern auf den Rücklauf zu warten. Der Vorteil entsteht nicht dadurch, als Erster im Trend zu sein, sondern dadurch, aus einer Korrektur heraus den nächsten Impuls mit besserem Risiko zu handeln.
Rohöl bleibt kurzfristig stark von der Straße von Hormuz, dem Iran-Konflikt und der Risikoprämie im Markt geprägt. Der Trendwechsel ist sichtbar, die Stabilisierung oberhalb der letzten Value Area High bestätigt zunächst die neue Aufwärtsstruktur. Trotzdem ist der sauberste Trade nicht der späte Einstieg nach dem Impuls, sondern der Rücklauf in den Bereich 76 bis 72 USD mit anschließender Bestätigung. So ordne ich das aktuell ein: Die Story ist geopolitisch, aber der Einstieg muss technisch sauber bleiben – Korrektur abwarten, Stärke sehen, dann erst handeln.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Ihr Dennis Gürtler.
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