
Die deutschen Schwergewichte präsentieren sich derzeit in unterschiedlichen Marktphasen. Während die Rückversicherer ihre vorherigen Korrekturen erfolgreich verarbeitet haben, geraten andere DAX-Titel zunehmend unter Druck. Aus meiner Perspektive zeigt sich daran ein grundlegender Unterschied zwischen einer starken Aktie und einem attraktiven Einstieg. Ein intakter Aufwärtstrend allein genügt nicht, wenn der Kurs bereits weit gelaufen ist und sich nahe seiner statistischen Ausdehnungsgrenzen bewegt. Gerade prozyklische Ausbrüche auf der Oberseite sind häufig anfällig, weil sich der Markt bereits in einer späten Phase des Impulses befindet. Einige zusätzliche Prozentpunkte sind durchaus möglich, doch das anschließende Korrekturrisiko kann erheblich größer ausfallen. Deshalb bevorzuge ich Rückläufe in vorbereitete Handelszonen, in denen sich Trendstruktur, faire Preisbereiche und technische Unterstützungen möglichst konfliktarm ergänzen.


Bei Hannover Rück und Münchner Rück war die Ausgangslage zuletzt besonders interessant. Beide Aktien befanden sich innerhalb ihrer langfristigen Aufwärtstrends zeitweise in deutlich günstigeren Preisbereichen. Genau dort lagen die attraktiveren Möglichkeiten, während Ausbrüche nahe der vorherigen Hochpunkte für mich weniger überzeugend waren. Inzwischen haben beide Titel ihre erwarteten Aufwärtsimpulse geliefert. Sowohl Hannover Rück als auch Münchner Rück konnten vom jeweiligen Tief bis zum Hoch rund 24 % zulegen. Damit hat sich die technische Situation allerdings erneut verändert. Die Kurse nähern sich wieder ihren früheren Hochpunkten, während auch die statistischen Schwankungsbereiche zunehmend ausgeschöpft werden. Natürlich besteht auf der Oberseite noch etwas Spielraum. Die letzten möglichen Prozentpunkte möchte ich jedoch nicht unbedingt ausreizen, wenn gleichzeitig das Risiko einer erneuten Korrektur zunimmt.

Deutlich kritischer bleibt die Situation bei Allianz. Bereits zuvor hatte ich darauf hingewiesen, dass die Aktie innerhalb ihres übergeordneten Aufwärtstrends ausgesprochen teuer verortet war. Inzwischen hat eine spürbare Korrektur eingesetzt, wodurch das Risiko eines Break-in-Szenarios stärker in den Mittelpunkt rückt. Sollte Allianz nachhaltig in die Value Area des laufenden Jahres zurückfallen, könnte sich die Bewegung in Richtung tieferer Volumenbereiche beschleunigen. Dabei werden zunächst 380 € und anschließend die Region um 360 € relevant. Ein solcher Rücklauf wäre technisch keineswegs ungewöhnlich. Gerade nach längeren Aufwärtstrends können zuvor stark nachgefragte Aktien innerhalb kurzer Zeit erhebliche Kursstrecken zurücklegen. Für mich ist deshalb entscheidend, nicht ausgerechnet in einer überdehnten Marktphase zusätzliches Risiko aufzubauen.
Eine erste interessante Verortung sehe ich bei Allianz im Bereich um 380 €. Wesentlich attraktiver wäre allerdings eine tiefere Korrektur in Richtung 351 €. Dort könnte die Aktie innerhalb ihres langfristigen Aufwärtstrends wieder eine deutlich günstigere Ausgangslage erreichen. Besonders interessant wäre sogar ein kurzzeitiges Unterschreiten der unteren Trendkanalbegrenzung, gefolgt von einer dynamischen Rückeroberung. Solche Bewegungen können Verkäufer auf der Unterseite in eine ungünstige Position bringen und anschließend eine beschleunigte Gegenbewegung auslösen. Entscheidend bleibt aber die untergeordnete Bestätigung. Eine tiefe Verortung allein macht noch keinen Trade. Erst wenn sich nach einem möglichen Fehlausbruch eine erkennbare Stabilisierung oder Umkehrformation entwickelt, entsteht daraus ein belastbares Long-Szenario. Genau solche Konstellationen bevorzuge ich gegenüber dem Kauf einer Aktie, die bereits weit oberhalb ihrer fairen Preisbereiche handelt.

Ein gutes Beispiel für diese Marktmechanik liefert SAP. Auch dort war nach einer außergewöhnlich starken Aufwärtsbewegung eine zunehmend anspruchsvolle technische Verortung entstanden. Die Aktie hatte zuvor rund 240 % zugelegt, bevor eine ausgeprägte Korrektur einsetzte. Rückgänge in einer Größenordnung von 40 % zeigen, dass selbst etablierte deutsche Qualitätsunternehmen nicht vor erheblichen Neubewertungen geschützt sind. Das gilt unabhängig davon, wie überzeugend das Geschäftsmodell oder die langfristige Wachstumsperspektive erscheinen. Bei SAP waren insbesondere tiefere Preisbereiche um 130 € als mögliche technische Referenz interessant. Das Beispiel verdeutlicht, weshalb ich bei Allianz nicht bereit wäre, lediglich aufgrund eines intakten langfristigen Trends auf der Oberseite einzusteigen. Eine Aktie kann fundamental stark bleiben und dennoch über Monate hinweg eine ausgeprägte Korrektur durchlaufen.

Auch bei Siemens hat sich die Ausgangslage nach der vorherigen Aufwärtsbewegung verändert. Eine frühere Long-Situation im Bereich um 207 € war aufgrund der damaligen Verortung innerhalb des Trends deutlich attraktiver. Inzwischen handelt die Aktie jedoch auf einem höheren Niveau, sodass das zusätzliche Kurspotenzial im Verhältnis zum Rückschlagrisiko weniger überzeugend erscheint. Für neue mittelfristige Long-Überlegungen würde ich deshalb einen Rücklauf in Richtung 225 € bevorzugen, also deutlich unter die Region um 240 €. Ob Siemens diese Korrektur unmittelbar vollzieht oder zunächst seitwärts konsolidiert, bleibt offen. Denkbar wäre sogar ein erneuter kurzfristiger Ausbruch über die jüngsten Hochpunkte, gefolgt von einem Rückfall in den vorherigen Preisbereich. Ein solches Break-in-Szenario könnte die Korrektur zusätzlich beschleunigen. Entscheidend ist für mich deshalb nicht, jeden möglichen Aufwärtsimpuls mitzunehmen, sondern auf eine wesentlich attraktivere Ausgangslage zu warten.
Die aktuelle Situation bei den deutschen Schwergewichten zeigt, wie unterschiedlich die Qualität möglicher Handelsgelegenheiten innerhalb grundsätzlich starker Aufwärtstrends sein kann. Hannover Rück und Münchner Rück haben nach ihren vorherigen Korrekturen bereits überzeugende Aufwärtsbewegungen von rund 24 % geliefert. Bei Allianz und Siemens überwiegt dagegen momentan die Vorsicht, weil ihre technische Verortung weiterhin anspruchsvoll erscheint. Für Allianz werden insbesondere 380 € und 351 € interessant, während Siemens bei einem Rücklauf in Richtung 225 € wieder stärker in meinen Fokus rücken würde. SAP verdeutlicht zusätzlich, wie dynamisch solche Korrekturen ausfallen können. Mein Ansatz bleibt deshalb unverändert: Ich möchte starke Unternehmen bevorzugt tief innerhalb ihrer übergeordneten Trends handeln, nicht nach einer bereits weit fortgeschrittenen Rallye. Wenn die passenden Zonen nicht erreicht werden, ist die Seitenlinie eine ebenso professionelle Entscheidung.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Dennis Gürtler.
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