
Zwei Sektoren wirken aktuell besonders anspruchsvoll verortet: Halbleiter und Healthcare. Gerade im Halbleiterbereich ist die vorherige Bewegung enorm gewesen, und genau dort entsteht jetzt das Problem. Viele Marktteilnehmer schauen untergeordnet noch auf einzelne bullische Muster, kleine Ausbrüche oder kurzfristige Stärke. Aus meiner Perspektive reicht das aber nicht mehr aus, wenn die übergeordnete Verortung bereits deutlich überdehnt ist. Ein Markt kann oben noch ein paar Prozent nachlegen, aber wenn er weit außerhalb normaler Strukturen handelt, wird jeder neue Long-Versuch zunehmend spekulativer.

Der SOXX bildet die zentrale Halbleiterstruktur ab und enthält klassische Schwergewichte wie NVIDIA, Micron Technology, AMD, Broadcom, Marvell, Intel und Applied Materials. Seit dem Tief im April des Vorjahres ist dieser Sektor massiv gelaufen. In der Spitze steht eine Bewegung von rund 340 % im Raum. Entscheidend ist dabei nicht nur die absolute Performance, sondern die Art der Verortung: Der Markt handelt weit außerhalb seines Trendkanals. Genau dort wird es gefährlich, weil man für weitere Longs nicht mehr auf ein gutes durchschnittliches Setup setzt, sondern darauf hofft, dass ein bereits extremer Markt noch extremer wird.
Natürlich gibt es immer Sonderphasen, in denen ein Markt trotz Überdehnung weiter steigt. Das ist möglich, aber nicht der Punkt. Trading ist ein durchschnittliches Spiel, und in diesem durchschnittlichen Spiel zählt, was in vergleichbaren Situationen mehrheitlich passiert. Wenn ein Markt nach einem extremen Impuls weit außerhalb seines Trendkanals handelt, folgen sehr häufig Korrekturen oder längere Seitwärtsphasen. Meiner Meinung nach ist genau das aktuell die wichtigste Einordnung beim SOXX. Wer hier oben noch aggressiv auf weitere Ausbrüche setzt, handelt nicht mehr mit der Struktur, sondern gegen die Wahrscheinlichkeit einer Normalisierung.
Legt man über den gesamten Impuls ein Volumenprofil, lassen sich die faireren Rücklaufbereiche besser einordnen. Besonders interessant wird zunächst die Value Area High des Impulses in Kombination mit dem Anchored VWAP im Bereich um 370 USD. Darunter rückt die Zone vom Point of Control bis zur Value Area High des vorherigen Jahres in den Fokus, zusätzlich gestützt durch die Trendkanallinie. Diese Bereiche bedeuten nicht, dass der SOXX sofort einbrechen muss. Sie zeigen aber, wo die Aktie beziehungsweise der Sektor wieder deutlich sauberer verortet wäre. Oben ist der Markt teuer, unten entstehen die besseren Chancen.

Der Vergleich mit Siemens hilft, die Mechanik klarer zu sehen. Anfang des Jahres lag dort eine ähnliche Struktur vor – allerdings auf der Unterseite. Der Markt handelte tief in der Korrektur, unter relevanten Value-Bereichen und bot damit eine wesentlich attraktivere Long-Verortung. Genau dort entstehen die besseren Trades: nicht am oberen Ende eines überdehnten Impulses, sondern auf der Unterseite eines intakten Trends. Beim SOXX ist es aktuell spiegelbildlich. Oben können zwar noch Ausbrüche kommen, aber gerade diese späten Bewegungen sind häufig Privatanlegerfallen, bevor der Markt in eine stärkere Korrektur übergeht.

Der XLK zeigt ein ähnliches Bild wie der Halbleiterbereich. Seit dem April des Vorjahres ist auch der Technologiesektor deutlich gelaufen, mit einem Anstieg von rund 130 %. Selbst wenn kurzfristig noch ein Ausbruch entstehen sollte, bleibt die Verortung kritisch. Es wäre nicht überraschend, wenn der Markt oben noch einmal eine Konstruktion ausbildet, die späte Käufer anzieht, bevor anschließend eine tiefere Korrektur startet. So ordne ich das aktuell ein: Der XLK muss nicht sofort fallen, aber er handelt nicht mehr in einer günstigen Zone. Für neue Long-Positionen wird das Chance-Risiko-Verhältnis dadurch zunehmend unattraktiv.

Neben Halbleitern und Technologie wirkt auch der XLV, also der US-Healthcare-Sektor, deutlich überdehnt. Damit ist nicht gemeint, dass der Sektor fundamental uninteressant wäre. Es geht ausschließlich um die aktuelle technische Verortung. Auch hier sollte man zumindest damit rechnen, dass der Markt in eine Korrekturphase übergehen kann. Ob vorher noch eine kleine Topbildung, ein kurzer Ausbruch oder ein letzter Übergangsimpuls entsteht, ist zweitrangig. Entscheidend bleibt: Wenn ein Sektor deutlich zu teuer wird, nimmt das Risiko einer Normalisierung zu. Genau deshalb stehen Halbleiter, Technologie und Healthcare jetzt unter besonderer Beobachtung.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Dennis Gürtler.
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