

Wer die aktuelle Situation bei ASML beurteilen möchte, sollte zunächst einen Blick auf Nvidia werfen. Beide Unternehmen profitieren auf unterschiedliche Weise vom langfristigen Ausbau der KI-Infrastruktur, weshalb Nvidia als wichtiger Orientierungspunkt für die Stimmung im Halbleitersektor dient. Im Wochenchart präsentiert sich die Aktie weiterhin in einem intakten Aufwärtstrend. Strukturell gibt es daran bislang wenig auszusetzen. Das eigentliche Problem liegt vielmehr in der aktuellen Kursverortung. Bereits im Bereich um 230 USD hatte ich auf das zunehmende Korrekturrisiko hingewiesen. Anschließend folgten zunächst preisliche Rücksetzer und später eine längere Seitwärtsphase. Eine wirklich tiefe Normalisierung innerhalb des übergeordneten Trends ist bislang allerdings ausgeblieben. Damit bleibt Nvidia aus meiner Perspektive trotz seiner fundamentalen Stärke technisch anspruchsvoll bewertet.
Für eine günstigere mittelfristige Ausgangslage stehen bei Nvidia weiterhin zwei größere Unterstützungsbereiche im Fokus. Die erste relevante Zone liegt zwischen 180 und 170 USD. Dort könnte der Markt nach einer tieferen Korrektur wieder eine interessantere Verortung erreichen. Darunter folgen die langfristigen gleitenden Durchschnitte, insbesondere der Drei- und Vierjahresdurchschnitt im Bereich von ungefähr 150 bis 140 USD. Diese Marken sind keine konkreten Kursprognosen, sondern mögliche Referenzbereiche für eine spätere Trendfortsetzung. Entscheidend wäre auch dort, ob sich nach einem Rücklauf eine nachvollziehbare Stabilisierung ausbildet. Eine Aktie kann schließlich einen hervorragenden langfristigen Trend besitzen und kurzfristig dennoch erheblich korrigieren. Genau deshalb bevorzuge ich tiefere Einstiege gegenüber einer Positionierung nach bereits weit fortgeschrittenen Impulsen.

Bei ASML wird die aktuelle Problematik im mittelfristigen Chart besonders deutlich. Die Aktie hat einen langfristigen aufwärtsgerichteten Trendkanal ausgebildet, handelt inzwischen jedoch außerhalb seiner oberen Begrenzung. Nach einer vorherigen Konsolidierung entstand zuletzt ein vermeintliches Trendfortsetzungssignal in Form einer bullischen Flagge. Solche Formationen wirken auf den ersten Blick attraktiv, doch ihre Bedeutung hängt entscheidend vom übergeordneten Kontext ab. Eine vergleichbare Struktur tief innerhalb eines intakten Aufwärtstrends könnte wesentlich interessanter sein. Bei ASML entsteht sie dagegen nahe dem Allzeithoch und nach einer bereits weit fortgeschrittenen Aufwärtsbewegung. Aus meiner Perspektive ist das eine ungünstige Kombination. Die Formation mag technisch bullish aussehen, gleichzeitig fehlt jedoch eine attraktive Verortung, die einen mittelfristigen Einstieg rechtfertigen würde.
Gerade an solchen Stellen entstehen häufig Situationen, in denen ein zunächst überzeugender Ausbruch letztlich scheitert. Neue Käufer werden durch die vermeintliche Trendfortsetzung in den Markt gezogen, bevor die Nachfrage nachlässt und der Kurs wieder unter das Ausbruchsniveau fällt. Daraus kann eine klassische Trapped-Buyers-Konstellation entstehen. Vergleichbare Muster lassen sich auch auf der Unterseite beobachten. Dort führen scheinbar eindeutige Abwärtssignale gelegentlich dazu, dass Verkäufer in einen bereits günstigen Markt einsteigen, unmittelbar bevor eine kräftige Gegenbewegung beginnt. Entscheidend ist deshalb nicht die isolierte Chartformation, sondern ihre Position innerhalb von Trend, Impuls und Korrektur. Eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation oder ein technischer Ausbruch verliert erheblich an Aussagekraft, wenn der übergeordnete Kontext eine gegenteilige Marktreaktion begünstigt. Genau diese Gefahr sehe ich momentan bei ASML auf der Oberseite.
Sollte ASML den jüngsten Ausbruch nicht verteidigen können, würde sich das technische Bild spürbar eintrüben. Besonders kritisch wäre ein Rückfall unter die Ausbruchsstruktur, gefolgt von einem erneuten Break-in in die vorherige Konsolidierungszone. In diesem Fall könnte der Markt relativ zügig tiefere faire Preisbereiche anlaufen. Eine wichtige Referenz bildet dabei die Value Area Low des laufenden Jahres. Zusätzlich liefern die längerfristigen Zwei-, Drei- und Vierjahresdurchschnitte Orientierung für mögliche Korrekturziele. Auch die Volumenverteilung des letzten größeren Aufwärtsimpulses zeigt mehrere potenzielle Reaktionszonen, darunter Bereiche in der Nähe der Value Area High des Vorvorjahres. Diese Überlagerungen können später interessante Handelszonen vorbereiten. Aktuell fehlt dafür allerdings noch die notwendige Korrektur. Ein gescheiterter Ausbruch wäre deshalb zunächst ein Warnsignal und noch keine Gelegenheit, unmittelbar auf der Unterseite zu kaufen.
ASML hat innerhalb der zurückliegenden Aufwärtsbewegung ungefähr 250 % zugelegt. Nach einem solchen Anstieg sollte eine stärkere Korrektur nicht überraschen. Selbst ein Rücklauf bis in den Bereich um 680 € wäre aus der langfristigen Perspektive noch mit einer normalen Trendkorrektur vereinbar. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass dieser Kurs erreicht werden muss. Vielmehr verdeutlicht die Größenordnung, wie weit eine Aktie nach einem außergewöhnlichen Impuls zurückfallen kann, ohne dass der übergeordnete Aufwärtstrend automatisch vollständig zerstört wäre. Meiner Meinung nach wird gerade dieser Zusammenhang häufig unterschätzt. Anleger orientieren sich an den jüngsten Hochpunkten und betrachten bereits kleinere Rückgänge als attraktive Kaufgelegenheiten. Tatsächlich kann eine Aktie nach mehreren hundert Prozent Kursgewinn noch erheblich mehr Korrekturpotenzial besitzen. Für neue mittelfristige Positionen ist deshalb die aktuelle Verortung entscheidender als die vorherige Kursdynamik.
Sowohl Nvidia als auch ASML bleiben langfristig bedeutende Unternehmen innerhalb der Halbleiterindustrie. Für neue mittelfristige Long-Positionen sehe ich gegenwärtig jedoch bei beiden Aktien keine ausreichend attraktive Ausgangslage. Nvidia handelt trotz intaktem Aufwärtstrend weiterhin deutlich oberhalb relevanter Unterstützungsbereiche, während ASML nach einem außergewöhnlich starken Impuls sogar eine potenzielle Trapped-Buyers-Situation ausbildet. Bei Nvidia bleiben insbesondere 180 bis 170 USD sowie tiefer 150 bis 140 USD interessant. ASML könnte nach einer ausgeprägteren Korrektur selbst im Bereich um 680 € noch innerhalb einer intakten langfristigen Trendstruktur handeln. Für mich überwiegt deshalb derzeit die Zurückhaltung. Kurzfristige Handelsgelegenheiten können unabhängig davon entstehen, doch eine strategische Positionierung erfordert bessere Preise und eine bestätigte Marktreaktion. Liquidität bereitzuhalten, bis eine solche Gelegenheit entsteht, ist in dieser Situation deutlich attraktiver, als einer bereits weit fortgeschrittenen Rallye hinterherzulaufen.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Dennis Gürtler.
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