
Apple liefert ein starkes Quartal – und trotzdem wird die Aktie über Nacht massiv abgestraft. Noch am Vortag notierte der Titel im Bereich von rund 335 USD, danach fällt die Aktie in Richtung 300 USD zurück. Das entspricht einem Rückgang von fast 10 % innerhalb kürzester Zeit. Auf den ersten Blick wirkt diese Reaktion widersprüchlich, denn Apple berichtet vom stärksten Juniquartal der Unternehmensgeschichte. Aus meiner Perspektive ist genau das aber der entscheidende Punkt: Der Markt bewertet nicht nur absolute Zahlen, sondern vor allem Erwartungen, Verortung und die Frage, wie viel Zukunft bereits im Kurs enthalten war.
Operativ liest sich das Zahlenwerk zunächst beeindruckend. Apple erzielt rund 110 Milliarden USD Umsatz und wächst im Jahresvergleich um etwa 16 %. Besonders das iPhone-Geschäft bleibt mit rund 55 Milliarden USD Umsatz der zentrale Wachstumsmotor und legt um etwa 22 % zu. Auch das Mac-Geschäft zeigt mit einem Umsatzplus von rund 29 % eine starke Entwicklung. Die Hardware-Umsätze laufen ebenfalls solide. Das Problem liegt also nicht darin, dass Apple plötzlich schwache Zahlen liefert. Das Problem liegt darin, dass der Aktienkurs zuvor bereits ein noch stärkeres Szenario eingepreist hatte.
Ein kritischer Punkt bleibt das Servicegeschäft, weil Apple dort traditionell besonders hohe Margen erzielt. Wenn genau dieser Bereich weniger dynamisch wächst als erwartet, reagiert der Markt empfindlicher als bei schwankenden Hardware-Umsätzen. Trotzdem rechtfertigt diese Verlangsamung allein kaum einen so harten Kursrückgang. Meiner Meinung nach ist der Abverkauf deshalb weniger eine reine Reaktion auf die Quartalszahlen, sondern vielmehr eine Bewertungskorrektur. Apple hat gute Zahlen geliefert – aber der Markt hatte auf noch mehr gehofft. Und wenn der Kurs vorher schon weit über fairen Bereichen handelt, reicht selbst ein starkes Quartal nicht aus, um die Überdehnung zu verteidigen.

Der langfristige Trendkanal liefert die wichtigere Erklärung für die Kursreaktion. Apple war zuletzt deutlich über die obere Begrenzung dieses Kanals hinausgelaufen und damit in einen Extrembereich vorgedrungen. Schon im Bereich um 310 USD war das Chancen-Risiko-Verhältnis für neue Long-Positionen ungünstig. Zwar konnte die Aktie anschließend noch einmal rund 7 % weiter steigen, aber genau das ist häufig die Falle in überdehnten Märkten: Der letzte Anstieg wirkt verführerisch, während das Rückschlagrisiko bereits deutlich steigt. Der anschließende Abverkauf zeigt, wie schnell aus einem späten Einstieg ein zweistelliger Buchverlust werden kann.
Besonders deutlich wird die Überdehnung im Blick auf den vorherigen Impuls. Ausgehend von den April-Tiefs rund um die Zollthematik stieg Apple von etwa 160 USD bis in den Bereich von 340 USD. Das entspricht einer Verdopplung innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitfensters. Wenn eine Aktie in dieser Geschwindigkeit läuft und gleichzeitig weit über ihren Trendkanal hinausschießt, wird die spätere Korrektur immer wahrscheinlicher. Das bedeutet nicht, dass Apple als Unternehmen schwach ist. Es bedeutet, dass der Kurs eine Euphorie aufgebaut hatte, die selbst sehr gute Quartalszahlen kaum noch rechtfertigen konnten.
Der erste Rücksetzer muss deshalb nicht das Ende der Korrektur sein. Innerhalb eines Trendkanals sind Rückläufe zur Mittellinie völlig normal, und in stärkeren Bereinigungen kann der Markt sogar in Richtung der unteren Trendkanalbegrenzung laufen. Vom aktuellen Niveau aus wären weitere 10 % Korrektur durchaus denkbar, im mittelfristigen Szenario auch Rückläufe von rund 20 %. Wichtig ist dabei: Solche Bewegungen müssen nicht sofort entstehen und sie müssen auch nicht in einem geraden Strich ablaufen. Häufig werden auf der Unterseite zunächst klassische Unterstützungen angelaufen, dann kurzfristig unterschritten und erst danach über Stop Runs sowie Trapped Sellers wieder in neue Impulse überführt.
Apple bleibt ein außergewöhnlich starkes Unternehmen, aber die Aktie war vor den Zahlen schlicht zu teuer verortet. Der Abverkauf nach dem Rekordquartal zeigt sehr klar, dass gute Fundamentaldaten nicht automatisch steigende Kurse bedeuten, wenn der Markt noch bessere Zahlen bereits eingepreist hatte. So ordne ich das aktuell ein: Apple ist kein schwacher Titel, aber aktuell kein sauberer mittelfristiger Long-Einstieg. Interessant wird die Aktie erst wieder, wenn die Korrektur fairere Zonen erreicht, der Exzess abgebaut ist und untergeordnet neue Stabilisierung sichtbar wird. Gute Trades entstehen nicht am oberen Rand der Euphorie, sondern tief in der Korrektur vor dem nächsten Impuls.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Dennis Gürtler.
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